Eberhard Ross macht mit seinen Bildern Töne sichtbar

Eberhard Ross stellt in der katholischen Kirche St. Josef in Büdingen/Düdelsheim seine Arbeiten aus.

Kunst in Kirchen in der Wetterau findet in diesem Jahr zum siebten Mal statt. Fünf Kirchen entlang der Bonifatius-Route werden über einen Zeitraum von fünf Wochen von Künstlerinnen und Künstlern zu Kunsträumen gestaltet. In der katholischen Kirche St. Josef in Büdingen/Düdelsheim wird Eberhard Ross seine Arbeiten ausstellen.

Der in Frankfurt und Mühlheim an der Ruhr lebende Künstler ist beeinflusst von der Musik von Keith Jarrett. So stehen seine Arbeiten von Anbeginn unter dem Einfluss von Musik. Sie begleitet und initialisiert seinen Arbeitsprozess. Dabei sucht er nach dem Klang der Farben. „Ich versuche den Klang zu malen“, sagt er. Ein weiterer wichtiger Einfluss übt der Zen Buddhismus auf den Künstler aus. Der, so Ross, habe ihn gelehrt, die Bedeutung von Rhythmus zu erkennen. „Rhythmus meint hier zuvorderst die Atmung, das Ein- und Ausatmen, das ON/OFF, wiederum die Fülle und die Leere. Ich male meine Bilder in einer Art inversivem Prozess“.

Seine Werke passen hervorragend in die kleine schlichte Kirche in Düdelsheim, die einst eine Lkw-Garage war. Die Bilder in der Kirche hängen in architektonisch bedingten Wandnischen gegenüber den großen Fenstern, die den Raum mit Licht fluten und je nach Tageszeit und Sonnenstand direkt beschienen werden oder im Streulicht des Schattens liegen. Entsprechend wechseln auch die Wirkung und der Klang der Farben.

Am kommenden Sonntag, 12. September, findet eine Wanderung zu „Kunst in Kirchen in der Wetterau“ statt. Sie beginnt an der evangelischen Kirche in Düdelsheim, führt über die katholische Kirche und dann entlang der Bonifatius-Route nach Glauberg zur dortigen evangelischen Kirche. In allen Kirchen werden die dort ausgestellten Kunstwerke vorgestellt. Die Wanderung beginnt am Sonntag um 14 Uhr.

Wir haben Eberhard Ross einige Fragen zum Kunstprojekt und seinen Arbeiten gestellt:

Kunst in Kirchen ist ein in Deutschland einzigartiges und ungewöhnliches Projekt. Worin besteht für Sie der Reiz teilzunehmen?

Kirchen sind seit ihrer Entstehung als Orte der Konzentration/Kontemplation/Meditation geplant und belebt worden. Meine Arbeit entsteht eben aus diesem Seelenzustand/prozess. Der Reiz besteht für mich darin, mit meinen Arbeiten dazu beizutragen, dass Kirchen als Orte der Konzentration/Kontemplation/Meditation wieder-oder neu entdeckt werden können.

Was reizt Sie als Künstler, in einer Kirche auszustellen?

Das lateinische Verb „relegere“ bedeutet bedenken, achtgeben. Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der das Bedürfnis der Menschen nach einem Haltepunkt, innerhalb dessen ein „achtgeben“, eine Achtsamkeit entwickelt werden kann, immer wichtiger ist. Viele meiner Arbeiten tragen den Titel „fermata“. Dieser Begriff, dieses Zeichen aus der Kompositionslehre zeigt dem Interpreten für einen bestimmten Ton oder Akkord an, dass er diesen nach eigenem Ermessen halten und klingen lassen soll. Das Gleiche wünsche ich Betrachtern, wenn Sie meine Bilder ansehen. Kirchen sind für mich „unterhaltungsfreie“ und damit stille Räume, die eben auch für (meine) Kunst ideale Begegnungen ermöglichen.

Mit Ihrem Beitrag beziehen Sie Position zum Thema „hinschauen“. Sehen Sie darin ganz allgemein eine gesellschaftliche Relevanz?

„hinschauen“ impliziert für mich ebenfalls Konzentration, genaue(re)s Betrachten als eine Art Tugend. Durch die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren ist unsere Gesellschaft meiner Meinung nach zu einer überaus „flüchtigen“ Gesellschaft geworden, das heißt unter einem hypnotischen Konsumzwang haben viele die Fähigkeit eingebüßt, innezuhalten und Momente zu erleben, in denen sie ganz und gar, sich selbst überlassen sind und zu bemerken, was sie eigentlich (außer immer neuem Konsum) brauchen. Ich halte die Fähigkeit (und Übung!) des Hinschauens auch deshalb für gesellschaftlich (sehr) relevant, weil sie auch das Auge für die mit mir lebenden Menschen schärft.

Eine Kirche ist der Ort, in dem man das Gespräch mit Gott sucht. Traditionelle Kirchenbilder erleichtern dieses Gespräch. Zeitgenössische Kunst kann da wie ein Fremdkörper wirken. Ist das so gewollt?

Ich glaube, dass es immer davon abhängt, in welcher Weise Künstler für (oder gegen) einen solchen Ort planen, welche Absicht sie mit ihrer Installation haben. In meinem Fall ist es die Absicht, es Menschen zu erleichtern/ermöglichen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber es gibt natürlich auch künstlerische Positionen, die durch ihre Arbeiten Diskussionen anregen wollen. „Fremdkörper“ - Kunstwerke können, wenn sie sorgsam kritisch betrachtet werden, zum Beispiel dazu führen, dass „Kirche“ sich hinterfragt und, unter Umstünden, seine Aufgaben re-definieren oder neu definieren kann.

Darf Kunst hier provozieren und anecken? Was darf Kunst überhaupt, was ist ihre Aufgabe?Generell denke ich, dass es in jedem Fall davon abhängt, dass eine künstlerische „Unterstützung“ sorgsam geplant und im Einvernehmen mit der Gemeinde besprochen und geplant ist. Letztlich entscheidend sollte die Sinnhaftigkeit sein. Ich zitiere hier (auszugsweise) eine von mir sehr verehrte Malerin, Agnes Martin: „Wenn ich an Kunst denke, denke ich an Schönheit. Schönheit ist das Geheimnis des Lebens. Sie liegt nicht im Auge, sie liegt im Inneren. In unserem Inneren gibt es die Erkenntnis von Vollkommenheit. (….) Jedes Kunstwerk handelt von Schönheit; jedes positive Werk verkörpert und verherrlicht sie. Alle negative Kunst protestiert gegen den Mangel an Schönheit in unserem Leben.“

Welche Reaktionen erwarten Sie von den Besucherinnen und Besuchern?

Ich habe gelernt, alles mit einer „achtsamen Erwartungslosigkeit“ anzugehen; im Vertrauen auf die (mögliche) Wirkkraft meiner Arbeiten. Letztlich hoffe ich, dass sich durch meinen Beitrag die Kirche für die Betrachter als Ort der Begegnung (mit sich selbst und anderen) neu oder wiedereröffnen wird.

veröffentlicht am: 08. September 2021